KI-Drohnen zur Früherkennung von Waldbränden
Ein Schwelbrand glimmt tief im Wald. Spaziergänger ahnen nichts, die Feuerwehr wurde noch nicht alarmiert. Doch modernste KI-Technologie erkennt die drohende Gefahr. Sensoren registrieren kleinste Veränderungen in der Luft und melden die Daten an eine Künstliche Intelligenz. Diese berechnet mithilfe von Strömungssimulationen die mögliche Herkunft der Brandgase. Wenige Sekunden später hebt eine Drohne von ihrer Station ab und fliegt autonom zur vermuteten Gefahrenstelle, um der Feuerwehr ein erstes Lagebild per Video zu übermitteln.
Was klingt wie eine Szene aus einem Zukunftsfilm, soll im Bayerisch-Tschechischen Grenzraum schon bald Realität werden. Mit dem EU-geförderten INTERREG-Projekt CTRL-F (Cross-border Technologies for Rapid Localisation of Fire) arbeiten Partner aus Deutschland und Tschechien gemeinsam an einem System, das Waldbrände deutlich früher erkennen soll als bisher. Im Mittelpunkt stehen intelligente Sensorik, Künstliche Intelligenz und automatisierte Drohnen. Ziel ist es, Einsatzkräfte schneller mit verlässlichen Informationen zu versorgen und wertvolle Zeit im Kampf gegen Waldbrände zu gewinnen.
Dass diese Entwicklung gerade im Landkreis Cham erprobt wird, kommt nicht von ungefähr. Die Region ist geprägt von großen Waldflächen, dem Naturraum Bayerischer Wald und ihrer direkten Nachbarschaft zu Tschechien. Gleichzeitig nehmen Trockenperioden und Wetterextreme zu. Die Gefahr von Vegetations- und Waldbränden wächst. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Allein im Jahr 2026 mussten die Feuerwehren im Landkreis Cham bislang 94 Einsätze im Zusammenhang mit Vegetationsbränden bewältigen. 41 davon entfielen auf den Zeitraum seit Anfang Juli. Erst vor wenigen Tagen war bei Neubäu am See ein Waldbrand zu bekämpfen.
„Unsere Heimat ist geprägt von ihren Wäldern. Sie sind Lebensraum, Erholungsraum und ein wichtiger Teil unserer regionalen Identität. Deshalb müssen wir alles daransetzen, sie bestmöglich zu schützen“, betont Landrat Christian Schindler. Wenn moderne Technologien dazu beitragen könne, unsere vielen ehrenamtlichen Helfer zu unterstützen, dann ist das ein großer Gewinn für die Sicherheit der Menschen in unserer Region.
Am Mittwoch, 19. August wurde am Kreiswasserwerk in Neubäu eine erste Drohnenstation und neuartige Sensoren vorgeführt. Bei einer Vorführung zeigte das System, wie das intelligente System erfolgreich auf die Entzündung einer Flamme reagiert. Gesteuert von einer Künstliche Intelligenz begab sich eine automatisierte Drohne selbstständig zum Brandort, um der Einsatzleitung in Echtzeit ein Lagebild über Wärmebild- und Tageslichtkameras zu übermitteln.
"Die Entscheidung über weitere Maßnahmen treffen jedoch weiterhin die Menschen in den Leitstellen und Feuerwehren," erkennt Kreisbrandrat Michael Stahl den großen Vorteil des Projekts. Als Projektpartner haben die Freiwilligen Feuerwehren ihr Praxiswissen eingebracht und auch genau definiert welche Unterstützungsleistung tatsächlich wichtig sind. Aus diesem Grund betrachtet das Pilotprojekt nicht nur den eigentlichen Brandfall. Es umfasst den gesamten Verlauf eines Waldbrandes.
In drei Grundszenarien könnte das System eine wertvolle Unterstützung leisten: Bei der Früherkennung von Bränden, während eines laufenden Einsatzes und bei der Überwachung nach der Löschung. "Während des Einsatzes liefern schon heute Drohnen aktuelle Luft- und Wärmebilder zur Unterstützung der Einsatzleitung. Wenn diese aber noch zeitnaher vor Ort wären, könnten diese bereits den anrückenden Kräften eine Lageeinschätzung ermöglichen", erläutert Stahl. Aber auch nach dem Löschen eines Feuers endet die Überwachung nicht. "In dieser dritten Phase könnten mobile Sensoren die betroffenen Flächen auf mögliche Wiederentzündungen kontrollieren und können bei Bedarf erneut automatisch eine Drohne alarmieren. Dies würde die ehrenamtlichen Kräfte schonen."
Die bisherigen Testergebnisse zeigen das Potenzial der Technologie. Nach Angaben der Projektpartner konnte ein Feuer mit etwa einem Meter Durchmesser bereits erkannt werden. Die durchschnittliche Detektionszeit lag bei rund einer Minute und 50 Sekunden. Nach einer Alarmierung kann die Drohne in weniger als 15 Sekunden starten. Mit einer Flugzeit von bis zu 54 Minuten und einer Reichweite von bis zu 21 Kilometern lassen sich auch etwa kritische Infrastrukturen in größeren Waldgebieten überwachen, etwa Umspannwerke oder Wasserspeicher.
Getragen wird das Projekt von einem starken Netzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft und Behörden auf beiden Seiten der Grenze. Beteiligt sind die Universität Ansbach als Projektkoordinatorin, die Unternehmen NeuralDrones und KI64, die Kreisbrandinspektion und der Landkreis Cham sowie Partner aus dem Raum Pilsen, darunter SITMP beziehungsweise Drones SIT und die Feuerwehr des Bezirks Pilsen.
Für etwa Steffen C. Reitz, CEO & Co-Founder von NeuralDrones UG steht dabei vor allem die praktische Nutzbarkeit neuer Technologien im Mittelpunkt und das auch grenzüberschreitend. „Wir legen den Grundstein für etwas, was Einsatzkräfte unterstützt.“ Dem konnte Professor Dr. Stefan Geißelsöder von der Hochschule Ansbach nur zustimmen. Zusammen mit seinem Team entwickelt er weiter an der ausgefeilten Sensorentechnik und dem Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten von KI bis Drohnentechnik.
Ob die Technik später flächendeckend eingesetzt wird, werden die kommenden Jahre zeigen, ist sich Landrat Schindler bewusst. Aber schon heute stehe fest: Im Landkreis Cham arbeiten Feuerwehr, Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam an einer Zukunft, in der Waldbrände möglichst erkannt werden, bevor aus einem kleinen Glutnest eine große Gefahr wird.
Hier sind einige Video-Beiträge zu finden:
TVA Ostbayern
ARD Mediathek